07.05.2019 Eine Gemeinschaft, die sich um ältere Menschen sorgt

Netzwerk Sorgekultur. Wenn ältere Menschen Hilfe benötigen, bieten nebst Angehörigen auch privatwirtschaftliche, gemeinnützige und öffentliche Institutionen Unterstützung an. Eine Herausforderung ist die gute Koordination dieser Angebote zu einem Netzwerk Sorgekultur.

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TODO CHRISTIAN

In der Schweiz wird die Bevölkerung zunehmend älter. Zugleich wächst auch die Anzahl betreuungsbedürftiger Personen, was das Gesundheitswesen an die Grenzen seiner Auslastung bringt. Betreuende Angehörige haben nicht nur deswegen eine wichtige Rolle, sondern auch, weil viele ältere Menschen möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld leben und von ihren Angehörigen umsorgt werden möchten. Das Konzept der Sorgekultur (siehe Infobox) kann dazu beitragen, dass Angehörige entlastet werden.

Gemeinsame Verantwortung
Es gibt keine allgemeingültige Definition für das Konzept der Sorgekultur – weder in der Wissenschaft noch in der Praxis. Auch werden mehrere Begriffe verwendet: Caring Community, sorgende Gemeinschaft, bedürfnisorientiertes Unterstützungssystem, Sorgekultur. Sie meinen eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde, einem Dorf, in der Menschen füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen. Die gemeinsame Verantwortung für soziale Aufgaben steht dabei immer im Zentrum. Sorgekulturen können von offiziellen Trägerschaften wie etwa einem Kanton initiiert werden oder aus dem Alltag heraus entstehen. Stets braucht es aber ein vielgestaltiges Engagement: von Freiwilligen, gemeinnützigen Organisationen, privatwirtschaftlichen Institutionen und der öffentlichen Hand. Wichtig ist, möglichst alle Akteure vor Ort miteinzubeziehen und professionelle Angebote mit nicht professionellen Akteuren zu verbinden.
 
Initiativen in der Schweiz
In der Gemeinde Cadenazzo ist mit dem Pilotprojekt «soziale Abwartin» eine Sorgekultur entstanden, die dem Wunsch älterer Menschen entspricht, möglichst lange zu Hause zu leben. Eine Pflegeassistentin übernimmt in diesem Projekt viele Aufgaben: Sie bietet klassische Spitex-Dienstleistungen an und ist tagsüber auch bei kleineren, nicht medizinischen Notfällen erreichbar. Zudem lädt sie regelmässig zu gemeinsamen Mittagessen ein und organisiert gesellige Anlässe. In enger Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin der Gemeinde informiert und berät sie Betagte und deren Angehörige zu gesundheitlichen und sozialen Fragen. Eine Haushaltshilfe übernimmt zudem einen Teil der Betreuung und entlastet damit die Angehörigen. Dank dem regelmässigen und nahen Kontakt entsteht eine vertrauensvolle Beziehung zwischen der sozialen Abwartin und ihrer Kundschaft. Durch die Nähe, den Austausch sowie die enge Zusammenarbeit mit Fachleuten, Freiwilligen und der Gemeinde werden die älteren Bewohnerinnen und Bewohner von Cadenazzo unterstützt und die Gemeinschaft gefördert.

Das Projekt «Vicino» in Luzern hat ebenfalls das Ziel, Vertrauen aufzubauen und einander gegenseitig zu helfen. Ein Netzwerk aus Nachbarinnen und Nachbarn unterstützt zu Hause lebende ältere Menschen beim Einkaufen, bei Haushaltsarbeiten oder in Notsituationen. «Vicino» informiert ältere Menschen und ihre Angehörigen auch über Entlastungsangebote, vermittelt Dienstleistungen wie Pflege und Betreuung oder Fahrdienste und fördert den sozialen Kontakt im Quartier.

Teil der Gemeinschaft
Betreuende Angehörige profitieren von einer Sorgekultur, indem sie Teil einer Gemeinschaft sind, in der sie Hilfe annehmen können und entlastet werden. Sorgekulturen sind besonders für ältere Menschen ohne Angehörige wichtig. Sie bieten ihnen die Möglichkeit, Teil eines sozialen und solidarischen Netzwerks zu sein und Einsamkeit oder Ausgrenzung zu vermeiden. Die Angebote von Sorgekulturen werden auch von der Migrationsbevölkerung genutzt. So versammelt zum Beispiel das Projekt «FemmesTISCHE» ältere Migrantinnen zu Gesprächsrunden über Gesundheitsthemen und verbessert dadurch deren Integration und Vernetzung. 

Förderprogramm «Entlastungsangebote für betreuende Angehörige»

Im Frühling 2016 hat der Bundesrat das Förderprogramm zur Weiterentwicklung der Unterstützungs- und Entlastungsangebote für betreuende Angehörige lanciert. Dieses dauert bis 2020 und soll die Situation und die Bedürfnisse von betreuenden Angehörigen untersuchen, sodass Unterstützungs- und Entlastungsangebote bedarfsgerecht weiterentwickelt werden können. Ziel ist, dass Angehörige ihre Betreuungs- und Erwerbs-tätigkeit besser miteinander verbinden können.

Im Rahmen des Förderprogrammes werden auch bestehende Angebote und Massnahmen mit Vorbildcharakter dokumentiert. Ein Modell guter Praxis zur Entlastung betreuender Angehöriger ist die Sorgekultur in Gemeinschaften.

Links

Kontakt

Facia Marta Gamez
Sektion Nationale Gesundheitspolitik

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