21.01.2020 Früherkennung und Frühintervention bei Kindern und Jugendlichen

NCD-Strategie. Der etablierte Ansatz zur «Früherkennung und Frühintervention» wird im Rahmen der NCD-Strategie auf neue Gefährdungen und Zielgruppen ausgeweitet. Bisher war er im Suchtbereich vor allem für Jugendliche von Bedeutung. Neu soll er auch für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen angewendet werden und auch Risiken wie die exzessive Internetnutzung berücksichtigen.

Nationale Charta

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Nationale Charta

Bereits im Jahr 2011 wurde eine gemeinsame Wertehaltung in Form einer «Charta F+F bei gefährdeten Kindern und Jugendlichen» erarbeitet. 2016 wurde sie unter Einbezug aller nationalen Akteure erweitert: Die F+F bezieht sich auf alle Lebensphasen und riskante Verhaltensweisen und setzt sich für gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen ein. Die nationale Charta wird von verschiedenen Organisationen, Konferenzen und Kommissionen getragen, auch vom BAG. Sie schafft zusammen mit den Strategien Sucht und NCD die Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung des F+F-Ansatzes.

Phasen von Verwirrung, Druck und auffälligem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen gehören zum Erwachsenwerden. Es gibt aber Lebenssituationen, in denen Kinder und Jugendliche besonders verletzlich sind, zum Beispiel bei Problemen in der Schule, bei einem Todesfall eines nahestehenden Menschen oder bei einer Scheidung der Eltern. Kommt es in der Folge zu einem übermässigen Suchtmittelkonsum, zu psychischen Problemen oder zu einem ungesunden Lebensstil liegt eine Gefährdung vor. Die sogenannte Früherkennung und Frühintervention (F+F) ist ein etabliertes und wirksames Instrument, um Probleme zu erkennen und Hilfestellungen zu finden. Dies zeigen die Erfahrungen mit entsprechenden F+F-Massnahmen in der Suchtprävention bei gefährdeten Kindern und Jugendlichen.

Früherkennung geschieht durch Bezugspersonen im schulischen, im beruflichen oder im privaten Umfeld, zum Beispiel durch eine Lehrperson oder ein Familienmitglied. Die Frühintervention umfasst dabei Elemente der Gesundheitsförderung sowie der Suchtprävention, der Begleitung, Beratung und Behandlung. Die unterstützenden Massnahmen kommen im Alltag der Betroffenen zum Einsatz, d.h. in der Familie, in der Kinderkrippe, beim Kinderarzt, in der Schule, in Jugendheimen etc. So sollen beispielsweise Jugendliche mit Suchtproblemen zunächst Unterstützung in der Schule erhalten. Ihren Lehrpersonen werden Schulsozialarbeitende zur Unterstützung zur Seite gestellt.

Frühzeitiger Beginn bringt bessere Ergebnisse
Dieses Konzept kann auch bei psychischen Problemen (z. B. Angststörungen) von Kindern und Jugendlichen angewendet werden. Neben dem Einbezug von Schulsozialarbeitenden wird das Gespräch mit den Eltern und Bezugspersonen gesucht. Eine frühzeitige Behandlung bringt insgesamt ein besseres Ergebnis, da die persönlichen Ressourcen der Betroffenen einfacher aktiviert werden können. Auch können die gefährdeten Schülerinnen und Schüler im Schulbetrieb besser integriert bleiben und ein «gesundes» Lernen ist weiterhin möglich.

Bei den Jugendlichen kommt der Netzwerkarbeit eine besondere Bedeutung zu. Deshalb wird F+F nicht nur in der Schule und der Gemeinde koordiniert, sondern auch im Freizeitbereich (Jugendtreffs, Vereine).

Übergreifender Ansatz
Für wirksame F+F-Massnahmen bei Kindern und Jugendlichen ist ein übergreifender Ansatz nötig, der die verschiedenen Fachleute (Suchtprävention, Gesundheitsförderung, Gesundheitsversorgung etc.) und die Bezugspersonen miteinbezieht und ihnen Rahmenbedingungen gibt. Die beiden Handlungsbereiche Früherkennung und Frühintervention müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt und in den verschiedenen Settings angewendet werden.

Im Rahmen der Früherkennung sollen die verschiedenen Akteure befähigt werden, ungünstige gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen, schwierige Situationen und problematische Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen zu erkennen. Die Risiken, die zu diesen schwierigen Situationen beitragen, können sich dabei auf das Umfeld und das Individuum beziehen. Mithilfe der Frühintervention soll den Betroffenen und ihrem Umfeld eine passende Unterstützung angeboten werden. «Die F+F kann nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn Akteure vor Ort und Personen aus der Beratung konstruktiv zusammenarbeiten», so Sophie Barras Duc, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim BAG. «Auffälligkeiten müssen rechtzeitig erkannt und richtig gedeutet werden. Erst dann kann eine geeignete Hilfestellung angeboten werden.» Die F+F integriert folglich strukturorientierte und individuumsbezogene Verfahren.

In seinen unterstützenden Projekten im Rahmen der F+F setzt das BAG die Schwerpunkte auf die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen, auf die Vernetzung der verschiedenen Akteure mittels geeigneter Plattformen sowie auf die gemeinsame Erarbeitung von Grundlagen und Instrumenten.
Mit den Strategien Sucht und NCD soll der Ansatz weiter gestärkt und noch breiter verankert werden, das heisst auf weitere Zielgruppen, Gefährdungen und Lebensphasen ausgeweitet werden. So berücksichtigen die Grundlagen neu auch Risiken wie die exzessive Internetnutzung oder Online-Geldspiele. Ebenso soll der F+F-Ansatz zur Stärkung der Prävention in der Gesundheitsversorgung weiterentwickelt werden. So sollen beispielsweise Begleiterkrankungen wie Sucht oder psychische Belastungen als Folge einer Krebserkrankung mit dem übergreifenden F+F-Ansatz früher erkannt werden. Und betroffene Personen sollen früher unterstützt werden können, indem beispielsweise ihre Ressourcen und ihre Selbstmanagement-Kompetenzen gestärkt werden. 

Weiterführende Informationen:
- Nationale F+F-Charta 
- F+F-Ansatz des BAG
- Broschüre «Früherkennung und Frühintervention (F+F) im Fokus der Lebensphasen: Ein übergreifender Ansatz»
- Brochüre «Früherkennung und Frühintervention bei Jugendlichen, Rechtsgrundlagen für Schulen und Gemeinden»
- Broschüre «Früherkennung und Frühintervention in Schulen und Gemeinden» der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix
Thema F+F des Fachverbands Sucht
- Groupement romand d’études des addictions: www.interventionprecoce.ch

Kontakt

Sophie Barras Duc
Sektion Gesundheitsförderung und Prävention

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