21.01.2020 «Verbote senken die Gesprächsbereitschaft und verhindern Diskussionen»

Interview. In Schulhäusern, in denen die Nutzung von Smartphones erlaubt und geregelt ist, kommen Mobbing-Situationen seltener vor als in Schulen, in denen der Gebrauch von Handys verboten ist, hat Barbara Bonetti beobachtet. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Direktion des Centro di risorse didattiche e digitali (Cerdd) über den Wert erzieherischer Auseinandersetzungen und über den pädagogisch sinnvollen Einsatz digitaler Medien.

​Barbara Bonetti

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​Barbara Bonetti

Barbara Bonetti hat an der Universität Fribourg Pädagogik, Heilpädagogik und Soziale Arbeit studiert. Danach war sie als Stützlehrperson an der Mittelschule tätig. Nach der Geburt ihres ersten Sohns hat sie für die Gesundheitsförderung in der Schule gearbeitet und verschiedene Arbeitsgruppen zum Thema sexuelle Erziehung koordiniert. Seit 2015 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Direktion des kantonalen Zentrums für Bildungs- und digitale Ressourcen (Centro di risorse didattiche e digitali, Cerdd). Sie leitet dort den Bereich «Schule und Digitales».

Frau Bonetti, oft ist zu hören, dass die Kinder in der Pause sich nicht mehr wie früher auf dem Pausenplatz austoben, sondern sitzen bleiben und auf ihren Handybildschirm starren.

Das ist ein Vorurteil. Eine differenziertere Betrachtung offenbart, dass in der Primarschule nur sehr wenige Kinder ein Handy dabeihaben. Der Gebrauch eines Smartphones während der Schulzeit – und also auch während der Pausen – ist in allen Schulen verboten. Auf dieser Stufe ist das Handy sicher kein Problem. In der Sekundarstufe ist die Situation komplexer. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass Bewegung und frische Luft guttun und gefördert werden sollen. Ich denke aber auch, dass die Jugendlichen Gelegenheiten zur freien Entfaltung erhalten sollen. Oft dürfen sie die Wiese neben dem Schulhaus nicht betreten oder wegen möglicher Bruchschäden nicht mit dem Ball spielen. Es sollte nicht nur Verbote, sondern auch Anreize geben.

Im Kanton Tessin haben wir beschlossen, die Handynutzung – unter Beachtung einiger Vorschriften, die wir erarbeitet haben – zu erlauben. Die Schülerinnen und Schüler haben also das Recht, ihr Smartphone mitzunehmen. Allerdings darf das Handy während des Unterrichts weder sichtbar noch hörbar sein. Die einzelnen Schulhäuser lassen die kantonalen Vorschriften in ihre Reglemente einfliessen und entscheiden selber, ob die Schülerinnen und Schüler ihre Handys während der Pausen benutzen dürfen. Deshalb wird das je nach Schulhaus auch unterschiedlich gehandhabt.
Ich finde es in jedem Fall sinnvoll, wenn die Regeln mit den Kindern besprochen und gemeinsam erarbeitet werden.

Der Handygebrauch birgt auch Risiken für die psychische Gesundheit. Wie gefährlich sind Phänomene wie Internet- oder Gamesucht?

Die Diskussion, was eine Verhaltenssucht ist, ist im Gange. Vor einigen Jahren wurde die Gamesucht – aber nicht die Internetsucht – als Krankheitsbild im aktuell gültigen amerikanischen Leitfaden für psychische Störungen, dem DSM-5, aufgenommen. Ernste Fälle von Gamesucht treten glücklicherweise relativ selten auf. Für die Betroffenen ist es wichtig, dass die Krankenkassen ihre Störung anerkennen und für die Therapie aufkommen. Doch aus Sicht der Gesundheitsförderung und Prävention finde ich weder ungerechtfertigte Panik noch Verbote sinnvoll, um eine Gamesucht zu vermeiden.

Ein Handyverbot erschwert den Austausch. Dabei ist der Austausch zwischen Jugendlichen und Erwachsenen genau das, was bezüglich digitaler Technologien am meisten fehlt, wie die Fachliteratur belegt. Wer im Gespräch mit den Jugendlichen bleibt, Regeln für die Handynutzung verhandelt und die Erlebnisse der Jugendlichen mit ihnen bespricht, hat die Chance, eine erzieherische Funktion wahrzunehmen. Es geht darum, mit den Jugendlichen das Gespräch zu suchen, umso mehr, wenn man sieht, dass sie sich aus dem sozialen Leben mit den Gleichaltrigen zurückziehen, nur noch auf dem Handy spielen. Oft ist es sinnvoll, auch die Eltern und den schulpsychologischen Dienst einzubeziehen.

Eine weitere, oft gehörte Gefahr für die psychische Gesundheit ist das Cybermobbing.

Nicht jeder Konflikt, der vielleicht auf dem Pausenplatz beginnt und dann im Chat weitergeführt wird, gilt als Cybermobbing. Um Mobbing handelt es sich, wenn ein Opfer über längere Zeit von einer Gruppe absichtlich kleingemacht und auch bedroht wird. In jedem Fall ist es wichtig, dass die betroffenen Jugendlichen mit jemandem über das Problem sprechen können. Unser Präventionsansatz baut auf den Erziehungsressourcen und -kompetenzen von Lehrpersonen auf. Aus unserer Sicht geht es weniger darum, dass die Jugendlichen von Expertinnen oder Experten erfahren, wo sie aufpassen müssen und auf was sie Acht geben sollen. Viel entscheidender ist, dass die Lehrpersonen offen sind, die Jugendlichen in ihrer Beziehungswelt begleiten (die sich in diesem Alter ständig verändert) und ein gutes Klassen- und Schulklima fördern.

Wir bieten Weiterbildungskurse für die Lehrpersonen an, damit sie in Mobbing-Situationen richtig reagieren können. Weil sowohl Opfer als auch Täter minderjährig sind, müssen auch beide geschützt werden, auch wenn die spontane Reaktion jemanden vielleicht eher dazu verleitet, nur das Opfer zu schützen – und den Täter zu bestrafen. Deshalb bereiten wir mit unseren Kursen die Lehrpersonen auf solche Situationen vor. Wir möchten, dass sie auch den Tätern helfen können. Das schliesst nicht aus, dass Sanktionen ergriffen werden müssen, aber oft ist die Verarbeitung des Fehlers und die Reparatur viel wichtiger und hilfreicher als die Sanktion.

Wie wirkt sich ein Handyverbot in der Schule auf das Auftreten von Mobbing-Fällen auf?

Beim Erstellen der Vorschriften zu Handynutzung ist uns aufgefallen, dass in Schulhäusern, die den Gebrauch von Handys verbieten, öfter Mobbing-Situationen vorkommen als in Schulen, wo die Nutzung von Smartphones geregelt und erlaubt ist. Wir denken, das hat auch wieder damit zu tun, dass Verbote die Gesprächsbereitschaft senken und Diskussionen verhindern. Wenn die Lehrpersonen jedoch im Austausch stehen, können sie oft schon in Konflikte eingreifen, bevor sie sich ausweiten und eskalieren.

Gibt es grundlegende Unterschiede zwischen Konflikten, die physisch auf dem Pausenplatz stattfinden, und Konflikten in der digitalen Welt?

Weil die Informationen schneller reisen können, greifen Konflikte in den sozialen Medien in der Regel rascher um sich. Zudem kommt es in der schriftlichen Kommunikation unter Gruppen eher zu Missverständnissen als im direkten Gespräch, bei dem man auch die nonverbalen Zeichen lesen und immer sofort nachfragen kann, ob man etwas richtig verstanden hat oder nicht.

Doch wir Erwachsenen neigen dazu, bei Konflikten in der digitalen Welt in Panik zu verfallen. Zum Beispiel: Kürzlich kam es in einer Kleinschulklasse zu einem Konflikt wegen eines Videogames. Anstatt die Situation ruhig zu analysieren, eskalierte die Diskussion und eine selbsternannte Taskforce verteufelte das Spiel, als ob nur das Game für den Konflikt verantwortlich wäre. Das Problem ist ja oft, dass die Kinder und Jugendlichen in der digitalen Welt allein sind. Niemand steckt 20 Kinder stundenlang unbeaufsichtigt in eine Turnhalle. Doch bei den Spielen am Handy oder am Computer sind die Erwachsenen weit weg. Wir müssen nachfragen, um etwas näher dabei sein und in einen Dialog treten zu können. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Interesse und Empathie.

Bisher haben wir über die Probleme der Handynutzung gesprochen, wechseln wir zu den Chancen. Heute bieten sich im Schulalltag Möglichkeiten, die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Was hätten Sie damals als Kind gern genutzt?

Ich musste unendlich lange das Wörterbuch studieren, das geht heute schneller und praktischer mit einer App. Mir gefallen auch die vielen Tutorials und Videos, die nicht nur für die Schule, sondern auch für private Interessen genutzt werden können. Die Kinder und Jugendlichen von heute können auch, ohne sich zu treffen, untereinander in Kontakt bleiben, auch mit Personen, die sehr weit weg sind. Es ist heute auch einfacher, Filme zu drehen und zu montieren. Aber auch aus Elternsicht bin ich froh, dass es jetzt Handys gibt. Man ist sicherer, wenn man weiss, dass man die Jugendlichen im Ausgang telefonisch erreichen kann.

Wie bringt man jungen Leuten Medienkompetenz bei?

Das wird je nach Kanton unterschiedlich angegangen. In der deutschen Schweiz ist das Fach «Informatik und Medien» im Lehrplan verankert, im Kanton Tessin gehören Medien und Technologien zur allgemeinen Bildung. Der Begriff «Medienkompetenz» ist vielschichtig und umfasst mehrere Aspekte. Wir haben ihn für unsere Arbeit in drei Bereiche unterteilt. Da ist erstens die Alphabetisierung, in der es darum geht, grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Hard- und Software zu vermitteln und die Leute zu befähigen, als eigenständige «User» Computer einzusetzen. Der zweite Bereich dreht sich um klassische Informatikkenntnisse, also etwa um den Erwerb von einfachen Codier- und Programmierfähigkeiten. Und als dritten und letzten Bereich der Medienkompetenz sehen wir die Fähigkeiten, die es für einen bewussten Umgang mit Medien braucht. Das ist der Bereich, der am schwierigsten zu vermitteln ist, weil das Bewusstsein darüber, was man tut und wieso man es tut, viel mit dem Sammeln von eigenen Erfahrungen zu tun hat.

Worüber freuen Sie sich in Sachen digitale Medien in der Schule besonders?

Ende letzten Jahres haben wir in Mendrisio unser Laboratorio di artigianato digitale (LAD) eingerichtet. Im Januar soll ein weiterer so- genannter Makerspace in Bellinzona aufgehen. Das LAD ist ein Werkraum, in dem nicht nur Hammer, Schere und andere herkömmliche Utensilien zur Verfügung stehen, sondern auch digitale Tools und 3-D-Drucker.

Mir gefällt dieser sehr schöne und innovative Ansatz, denn in unsere Werkstatt kommen Lehrpersonen und ihre Schülerinnen und Schüler mit einem – oft auch künstlerisch anspruchsvollen – Projekt. Die Lernenden haben ein konkretes Ziel, das sie spielerisch verfolgen können. Aber wichtig ist vor allem auch, dass sie auf dem Weg zum Ziel viele unterschiedliche Lerngelegenheiten haben. Viele Kinder verbringen einen grossen Teil ihrer Freizeit vor dem Bildschirm. Wir möchten ihnen zeigen, wie sie sich nicht nur die Zeit vertreiben, sondern dabei auch etwas Nützliches machen und herstellen können.

Wo sehen Sie die Grenzen der Technologie?

Ich komme von der Gesundheitsförderung und Prävention her und habe erst hier am Cerdd gesehen, wie viele tolle Einsatzmöglichkeiten es für digitale Medien im Unterricht gibt. Mir scheint jedoch wichtig, dass diese Technologie pädagogisch sinnvoll eingesetzt wird. Zuerst muss die Lehrperson ihre pädagogischen Ziele definieren und erst danach die Mittel, nicht umgekehrt. Die digitalen Medien sind kein Selbstzweck, sie sollen die Schülerinnen und Schüler unterstützen, ihre Lernziele zu erreichen.

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