21.01.2020 Vor Pessimismus wird gewarnt

Forum. «Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte» (ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer).

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TODO CHRISTIAN

Die aktuelle spectra-Ausgabe befasst sich mit dem Thema Schule und Prävention und ist damit auch mittendrin im Spannungsfeld zwischen den Generationen. Sind doch Präventionsthemen rund um den Umgang mit Alkohol, Tabak, Stress, Sport und Bewegung, Ernährung, Freizeit, Gewalt, Liebe und Sexualität nie unabhängig vom Zeitgeist. Prävention und Gesundheitsförderung müssen sich, wenn auch viele Präventionsthemen in ihrer Essenz zeitlos sind, immer neu finden in einer sich verändernden Welt.

Ähnlich wie der unbekannte Autor der sumerischen Tontafeln sind wir dabei immer wieder gefährdet, die Zukunft der Kinder und Jugendlichen allzu pessimistisch zu sehen, sei es wegen des im Vergleich mit der eigenen Jugendzeit fremden Verhaltens oder aufgrund der veränderten äusseren Umstände. «Vorgänger» neigen offensichtlich in der ganzen Weltgeschichte dazu, ihre «Nachfolger» etwas abzuwerten, obwohl dafür die faktische Grundlage jeweils fehlt. So anders sind die Kinder dann doch auch nicht.

Bei der Präventionsarbeit führt dieses generationsmässig verzerrte Bild dazu, dass hauptsächlich über Negativtrends die Notwendigkeit der Prävention begründet wird und einzelne neue Entwicklungen, z. B. neue Medien, zu lange ein «Gesundheitsgefahr»-Label erhalten. Als wären die Prävention und Gesundheitsförderung gerade auch in der Schule nicht zeitlos sinnvoll und notwendig und könnten solche neuen Entwicklungstrends nicht die Präventionsarbeit sinnvoll unterstützen.

Damit gerät die Prävention gerade auch im schulischen Umfeld nicht selten in den Sog einer unnötig pessimistischen Sicht der Entwicklung und kann damit die Kinder und Jugendlichen nicht genügend erreichen. Positive Trends und damit häufig auch Erfolgsgeschichten der Prävention erhalten dabei zu wenig Raum. Positive Trends? Ja, so zeigt beispielsweise die aktuelle Auswertung der schulärztlichen Befragungsdaten des Kantons Basel-Stadt erfreulicherweise einen klaren Rückgang des Suchtmittelkonsums bei Zigaretten, Cannabis und Alkohol bei Jugendlichen.

Wir sollten gerade auch in der Präventionsarbeit in den Schulen diese Veränderungskraft der Jugend noch stärker direkt mit einbeziehen. Die «Alten» haben die Erfahrungen und die «Jungen» die Energie und neue Ideen. Bringen wir dies in der Schule der Zukunft noch stärker zusammen.

Kontakt

Thomas Steffen
Kantonsarzt Basel-Stadt
Leiter Medizinische Dienste Basel-Stadt

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